Mitten drin statt außen vor: der Teilhabekompass der DGPPN 

Berufliche Integrationsmaßnahmen in Deutschland für Menschen mit schweren psychischen Erkrankungen – neue aktualisierte Version unter Berücksichtigung des Bundesteilhabegesetzes 

Menschen mit schweren psychischen Erkrankungen haben oftmals Schwierigkeiten, auf dem ersten Arbeitsmarkt unterzukommen. Dabei sind die positiven Effekte von Arbeit auf den Krankheitsverlauf wissenschaftlich belegt. Der Teilhabekompass der DGPPN bietet erstmals einen Überblick über die zahlreichen beruflichen Reha- und Integrationsmaßnahmen in Deutschland. 

An wen richtet sich der Teilhabekompass? 

Der Teilhabekompass der DGPPN ist eine Orientierungshilfe für alle Ärzte und weitere Behandler, die erwachsene Menschen mit – insbesondere schweren – psychischen Erkrankungen behandeln. Er bietet einen Überblick über regelfinanzierte Leistungsanbieter und Maßnahmen der Leistungen zur Teilhabe am Arbeitsleben in Deutschland nach dem neunten Sozialgesetzbuch (SGB IX). Darüber hinaus stellt der Teilhabekompass Modell- und Pilotprojekte mit ihren inhaltlichen und regionalen Besonderheiten vor, die sich nicht zwingend im Kontext der Regelfinanzierung nach SGB IX bewegen. 

Was sind schwere psychische Erkrankungen?

Psychische Erkrankungen gelten dann als schwer, wenn sie und/oder ihre Behandlung mindestens zwei Jahre dauern und begleitend schwere psychosoziale Beeinträchtigungen bestehen. Der Teilhabekompass bezieht sich überwiegend auf diese Personengruppe. 

Warum ist berufliche Teilhabe so wichtig? 

Der Lebensbereich „Arbeit“ hat für jeden Menschen wichtige Funktionen: Arbeit wirkt im Alltag strukturierend, sie vermittelt Anerkennung, sozialen Status und durch ihre Entlohnung auch Autonomie. Sie fördert den sozialen Austausch und erzeugt Aktivität im Leben. Die positiven Effekte von Arbeit lassen sich insbesondere auch für Menschen mit schweren psychischen Erkrankungen nachweisen. Die Umsetzung dieses existentiellen Bedürfnisses nach Arbeit wird in der Behindertenrechtskonvention der Vereinten Nationen als zentrales Anliegen formuliert und stellt einen wesentlichen Bestandteil psychiatrisch-psychotherapeutischen Handelns dar. 

In Deutschland sind die Fehlzeiten am Arbeitsplatz aufgrund von psychischen Erkrankungen in den letzten Jahren kontinuierlich angestiegen: Mittlerweile beträgt der Anteil bei den Arbeitsunfähigkeitstagen bis zu 30 %. Dies ist erstaunlich: Denn in Deutschland existiert ein weltweit einmalig ausgestattetes Rehabilitationssystem, das grundsätzlich auch allen psychisch erkrankten und durch psychische Krankheit behinderten Menschen zur Verfügung steht. 

Rehabilitationssystem Deutschland: kompliziert und zergliedert
Allerdings ist dieses System für Menschen mit psychischen Erkrankungen ausgesprochen kompliziert, da es rechtlich auf unterschiedlichen Sozialgesetzbücher basiert und an die stark zergliederte Versorgungskette aus Prävention, Akutbehandlung, Rehabilitation und Pflege gebunden ist. Darüber hinaus gehen die Leistungsträger in Deutschland angebotsorientiert vor: Sind die zugewiesenen Maßnahmen beendet, endet in der Regel auch die Zuständigkeit des Leistungsträgers. Die Folgen: wenig Flexibilität, kaum individuellen und bedarfsorientierten Zugang und letztlich zu wenig Effektivität bei der Inklusion in die soziale Gemeinschaft.  

In der Summe resultieren unbefriedigende Ergebnisse hinsichtlich der Integration von Menschen mit psychischen Erkrankungen in den ersten Arbeitsmarkt. Insbesondere an der Schnittstelle der Akutbehandlung zur Rehabilitation fehlen einfach handhabbare und umsetzbare Steuerungsmöglichkeiten in das Teilhabesystem. Dadurch erhalten Betroffene oft spät und kaum individuell oder bedarfsorientiert unterstützende Maßnahmen, was zu frühzeitiger Erwerbsminderung und sozialer Isolation führt. 

Welches Ziele verfolgt der Teilhabekompass?

Der Teilhabekompass soll helfen, die berufliche Rehabilitation von Menschen mit schweren psychischen Störungen gleich zu Beginn der Behandlung zu initiieren. Die berufliche Teilhabe soll im Rahmen integrativ und ganzheitlich angelegter Behandlungspfade so angelegt werden, dass sich langfristig die Erwerbsunfähigkeit und soziale Ausgrenzung der Betroffenen reduzieren lässt. Der Teilhabekompass bietet eine Orientierungshilfe für eine bedarfsgerechte und effiziente Navigation durch das oftmals schwer überschaubare Netz beruflicher Integrationsmaßnahmen in Deutschland. Ziel ist es, den Betroffenen durch die Teilhabe an Arbeit und damit am gesellschaftlichen Leben eine soweit wie möglich selbstbestimmte Existenz zu ermöglichen.

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